Chiles Sonderweg bei der Rente und was Deutschland daraus lernen kann.
Seit über 30 Jahren reden wir in Europa bereits über den bevorstehenden Kollaps des herkömmlichen Rentensystems aufgrund der demografischen Entwicklung. Die Lösungsansätze europäischer Politiker sind vielfältig – von der Anwerbung von ausländischen Fachkräften bis zur Abschaffung der Rente – wurde bereits alles diskutiert. Dabei vergessen wir, dass es bereits Länder gibt, die dieses Problem für sich gelöst haben. Eins dieser Länder ist Chile, mit dessem Rentensystem wir und heute kurz beschäftigen.
Um das chilenische Rentensystem zu verstehen muss man sich mit der jüngeren Geschichte Chiles auseinandersetzen. Vor dem Sturz Allendes am 11. September 1973 durch Augusto Pinochet galt Chile als das Armenhaus Südamerikas und hatte das “klassische” Umlagesystem, wie es heute auch noch die meisten europäischen Staaten haben. Im Zuge der wirtschaftlichen Neugestaltung Chiles lud Pinochet Ökonomen der Österreichischen Schule ein, die sogenannten Chicago-Boys. Die österreichische Schule innerhalb der Volkswirtschaft gilt in Europa als neoliberal und wird sowohl von der politischen Rechten als auch der politischen Linken abgelehnt. Ihr Ansatz ist radikal, weil es mit allem bricht, was wir aus Europa gewöhnt sind. Im Mittelpunkt dieser Überzeugung steht nicht der Staat sondern das Individuum, welches sich um sich selbst kümmert, soweit es möglich ist. Der Staat wird auf seine grundlegenden Funktionen reduziert und überlässt den Rest der Privatwirtschaft. Nach 8 Jahren der politischen Übergangszeit gab sich Chile 1981 dann eine neue Verfassung. Die sich im Kern auf die 3 Grundrechte bezieht, das Recht auf Eigentum, das Recht auf Leben und das Recht auf Freiheit. Daher ist es auch kein Zufall, wenn sich der libertäre President Argentiniens Javier Milei gelegentlich auf Chile bezieht.

Mit der Verfassung von 1981 folgte dann auch die Umstellung des Rentensystems auf die sogenannten AFP-Konten (administradoras de fondos de pensiones), welche kapitalgedeckte private Rentenfonds sind. Jeder chilenische Arbeitnehmer der zu dieser Zeit bereits ins staatliche Umlagesystem eingezahlt hatte, wurde daraufhin vor die Wahl gestellt, ob er weiterhin im alten System bleiben möchte oder ob er wechseln wollte. Für alle darauf folgenden Arbeitnehmer galt diese Option nicht mehr. Über 99 Prozent der Beitragszahler haben heute ein privates Rentenkonto. Ende 2024 bezogen noch rund 520.000 Personen eine Rente aus dem alten Umlagesystem, dem stehen bereits rund 1,8 Millionen Personen gegenüber, die eine kapitalgedeckte private Rente erhalten. Bis zur vollständigen Auflösung der staatlichen Rente 2050 wird es höchstwahrscheinlich keine berechtigten Anspruchsteller geben, was bedeutet, dass zu diesem Zeitpunkt die Umstellung abgeschlossen sein wird.
Doch was sind AFP-Konten eigentlich? Ein jeder chilenische Arbeitnehmer ist verpflichtet von seinem Bruttogehalt 13 % auf ein gesondertes Rentenkonto für seine Altersversorgung zur Seite zu legen. Dieses Rentenkonto wird von einem privatem Anbieter seiner Wahl verwaltet. Wobei der Beitragszahler das Risiko als auch die Rendite auswählen kann.
Es wird hierbei zwischen folgenden Fonds unterschieden:
- Fondo A (erhöhtes Risiko)
- Aktienanteil bis 80 Prozent
- 67 Prozent internationale Aktien
- 13 Prozent nationale Aktien
- Sonstige Anlagen 20 Prozent
- Staats- und Unternehmensanleihen ~11 Prozent
- Alternative Anlagen wie Immobilien 5-8 Prozent
- Derivate ~3 Prozent
- Aktienanteil bis 80 Prozent
Geeignet für junge Menschen unter 40 Jahren, die ein langfristiges Kapitalwachstum anstreben.
Durchschnittliche Rendite in den letzten 10 Jahren: 5.24 Prozent p.a.
- Fondo B (mittleres Risiko)
- Aktienanteil 60 Prozent
- 48-52 Prozent international
- 8-12 Prozent national
- Fixed Income Securities 30-32 Prozent
- Staatsanleihen Chiles 10-12 Prozent
- Unternehmensanleihen chilenischer Unternehmen 1-2 Prozent
- Ausländische Staatsanleihen 10-12 Prozent
- Ausländische Unternehmensanleihen 6-8 Prozent
- Hypothekenfonds ~1 Prozent
- Termingelder 1-2 Prozent
- Alternative Anlagen wie Immobilien 8 Prozent
- Derivate 1-3 Prozent
- Aktienanteil 60 Prozent
Geeignet für Personen zwischen 35 und 55 Jahren, die ein moderates Wachstum bei moderatem Risiko bevorzugen.
Durchschnittliche Rendite in den letzten 10 Jahren: 4.4 Prozent p.a.
- Fondo C (mittleres Risiko)
- Aktienanteil 35-40 Prozent
- 25-30 Prozent international
- 5-10 Prozent national
- Fixed Income Securities 50-55 Prozent
- Staatsanleihen Chile 25-30 Prozent
- Ausländische Staatsanleihen 8-12 Prozent
- chilenische Unternehmensanleihen 4-6 Prozent
- ausländische Unternehmensanleihen 5-7 Prozent
- Hypothekenanleihen 1 Prozent
- Termingelder 2-4 Prozent
- Alternative Anlagen wie Immobilien 5-8 Prozent
- Derivate 1-2 Prozent
- Aktienanteil 35-40 Prozent
Geeignet für Personen ab 45 Jahren, die eine risikoärmere Investition bevorzugen und dafür weniger Rendite in Kauf nehmen.
Durchschnittliche Rendite in den letzten 10 Jahren: 3,72 Prozent p.a.
- Fondo D(konservativ)
- Aktienanteil 15-20 Prozent
- 10-15 Prozent international
- 3-5 Prozent national
- Fixed Income Securities 70-75 Prozent
- chilenische Staatsanleihen 35-40 Prozent
- ausländische Staatsanleihen 10-12 Prozent
- chilenische Unternehmensanleihen 5-6 Prozent
- ausländische Unternehmensanleihen 6-8 Prozent
- Termingelder 5-6 Prozent
- Alternative Anlagen wie Immobilien 4-6 Prozent
- Derivate 1-2 Prozent
- Aktienanteil 15-20 Prozent
Geeignet für Personen ab 55 Jahren, die lediglich den Werterhalt ihres Vermögens anstreben.
Durchschnittliche Rendite in den letzten 10 Jahren: 3.18 Prozent p.a.
- Fondo E (Minimalrisiko)
- Aktienanteil unter 5 Prozent
- Fixed Income Securities 90-95 Prozent
- chilenische Staatsanleihen 40-50 Prozent
- ausländische Staatsanleihen 10-15 Prozent
- chilenische Unternehmensanleihen 8-10 Prozent
- ausländische Unternehmensanleihen 5-7 Prozent
- Tagesgeld und kurzfristige Zinsanlagen 5-10 Prozent
- Alternative Anlagen wie Sozialimmobilien 2-4 Prozent
- Derivate 2-4 Prozent
Geeignet für Rentner und Personen mit extrem niedriger Risikobereitschaft.
Durchschnittliche Rendite in den letzten 10 Jahren: 2,67 Prozent p.a.
Und weil Prozentangaben relativ wenig aussagen, möchte ich folgendes Beispiel nutzen, um einmal zu verdeutlichen in welchen Größenordnungen sich die einzelnen Modelle bewegen. Dafür nutze ich den gesetzlichen Mindestlohn Deutschlands und die Quote von 18 Prozent um es mit dem deutschen System vergleichbar zu machen.
Nehmen wir an die Freunde Max, Jose, Alvaro, Christina, Antonio und Salvador verdienen alle das Selbe (2220 Euro brutto) , zahlen aber in verschiedene Modelle ein. Max zahlt in die herkömmliche deutsche Rentenversicherung ein und seine Freunde jeweils in die verschiedenen Fond-Modelle.
Max erhält nach 40 Jahren harter Arbeit 865 Euro brutto an Rentenansprüchen und muss diese versteuern, es bleiben ihm 765 Euro Netto.
Sein Freund Jose arbeitet ebenfalls zahlt aber in einen “Fondo A” ein, was dazu führt, dass Jose eine Bruttorendite von 629.000 Euro nach 40 Jahren hat. Nach Abzug aller Gebühren bleiben ihm Netto 541.000 Euro, was einer Nettorente von rund 1800 Euro pro Monat entspricht.
Sein Freund Alvaro wählt den “Fondo B” und erzielt eine Bruttorendite von 511.000 Euro und es bleiben ihm Netto 441.000 Euro, was zu einer Nettorente von 1471 Euro führt.
Seine Freundin Christina hingegen bevorzugt ein konservativeres “Fondo C“Investment und erhält 479.872 Euro brutto und 413.847 Euro netto. So bleiben ihr 1379 Euro Nettorente.
Sein Freund Antonio ist eher ängstlich und wählt “Fondo D” und erzielt 434.960 Euro brutto und es bleiben ihm 368.208 Euro Nettorendite. Er hat dadurch eine Nettorente von 1227 Euro monatlich zur Verfügung.
Und zum Schluss sein Freund Salvador der den Märkten nicht vertraut, er wählt den “Fondo E” und erzielt 370.774 Euro Bruttorendite und erhält 316.731 Euro. Seine Nettorente beträgt 1056 Euro.
Zusammenfassung: Mit dem herkömmlichen Modell des klassischen Umlagesystems ist Max all seinen Freunden gegenüber benachteiligt. Selbst sein Freund Salvador der den Märkten nicht vertraut, hat am Ende mit dem chilenischen Modell rund 300 Euro mehr in der Tasche als Max.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Max durch das herkömmliche System massiv benachteiligt wird. Nicht nur weil er weniger Rente bekommt, sondern weil es sich in seinem Fall lediglich um ein Versprechen der Politik handelt, dass sie ihm im Alter eine Rente zugestehen. Seine Freunde hingegen sind Eigentümer ihrer Fonds und können diese sogar vererben, wenn sie diese nicht zu Lebzeiten aufgebraucht haben. Während Max’ Anspruch mit dem Ende seines Lebens verfällt.
Zusätzlich ist zu erwähnen, dass in Chile seit 2022/23 ein Zusatzrentensystem (Pensión Garantizada Universal) gilt für Personen, die Zeit ihres Arbeitslebens nicht genügend Mittel bei Seite gelegt haben, um soziale Härtefälle zu berücksichtigen.